Die 48. Hofer Filmtage – nachhallend und gedankenvoll

Hofer Filmtage 2014Oktober. Die Tage werden kürzer. Die Temperaturen sinken. Dicke Jacken, Pullover, Schals und Handschuhe bestimmen zunehmend den Kleidungsstil. Und in den beiden Hofer Lichtspieltheatern werden traditionell Filme gezeigt, die man zuweilen höchstens auf ARTE oder im Nachtprogramm der öffentlich rechtlichen Anstalten findet. Sofern man Glück hat.

Bereits zum 48. Mal hießen die Internationalen Hofer Filmtage Produzenten, Filmemacher, Darsteller und vor allen Dingen Zelluloidjunkies aus der ganzen Welt für sechs Tage willkommen. Und auch ich, der ich alles andere als ein begeisterter Kinogänger bin, folge dem Ruf und lasse mich einmal im Jahr von einer Fülle an unbekannten und zumeist bisher allenfalls auf anderen Festivals gezeigten Filmen anlocken und gelegentlich auch inspirieren. Sei es thematisch, atmosphärisch oder visuell.

So sind es mitunter die ruhigen, gedankenvollen Filme, die Spuren hinterlassen. Nachdenklich stimmen. Und einige Tage „nachhallen“.

The Farewell Party

„The Farewell Party“ ist ein Spielfilm über das Altern und das Sterben. Und Selbstbestimmung. In erster Linie aber über Freundschaft und die Frage, ob man für einen Freund Grenzen überschreiten würde. Würde man einem totkranken, leidenden Freund seinen Wunsch nach einem selbstbestimmten Ende erfüllen? Sterbehilfe – nicht nur in Deutschland heiß diskutiert.

Der israelische Film nähert sich diesem Thema auf humorvolle Art und Weise, ohne dabei ins Lächerliche zu driften. Es sind mitfühlende Szenen zwischen Lachen und Weinen. Zwischen Lebensfreude und Todeswunsch. Wobei nicht der Tod im Zentrum steht, sondern das Ende des Leidens.

Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe von Senioren. Im Mittelpunkt steht Yehezkiel, ein 72jährigen Tüftler und Bastler. Gemeinsam mit einem ehemaligen Tierarzt und einem pensionierten Polizisten möchte er einem Freund das Sterben erleichtern. Seine Frau Lavana, die an Demenz leidet, ist anfänglich gegen die Euthanasie. Doch mit zunehmender Verschlimmerung ihrer Krankheit ändert sich ihre Meinung…

Trotz dieses Themas sind es die ausgestrahlte Lebensfreude und die kleinen Freundschaftsbeweise, die den Film so sehenswert machen und dem Zuschauer ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern.

Der letzte Tanz

Auch „Der letzte Tanz“ handelt vom Alter. Und von einer Gesellschaft, die dem Alter nicht viel Raum bewilligt. Eine Gesellschaft, die nicht bereit ist, alten Menschen die nötige Zeit und Aufmerksamkeit zu gewähren.

Die offizielle Inhaltsangabe gibt folgenden Einblick:

„Eines Morgens stürmt die Polizei die gutbürgerliche Wohnung, in der Karl Streiner und seine schon lange verwitwete Mutter leben. Was immer ihm vorgeworfen wird, niemand begreift, was tatsächlich vorgefallen ist, nicht einmal er selbst. Teilnahmslos lässt er sich abführen. In der Untersuchungshaft zeigt sich der gewöhnlich ruhige und wohlerzogene junge Mann aggressiv, schweigt jedoch weiterhin bezüglich der angeblichen Straftat. Es kommt zum Prozess, die Anklage lautet: Sexualdelikt.

Rückblende: Karl Streiner absolviert seinen Zivildienst in einem Wiener Krankenhaus in der Abteilung Geriatrie. Dort begegnet er Julia Ecker, einer Patientin, die entmündigt, depressiv und hilflos ihrer Umgebung ausgeliefert ist. Die einzige Freude ihres Daseins besteht darin, das Personal zu piesacken. Karl ist beeindruckt von ihrem Witz und ihrem Widerstandswillen. Zwischen den beiden entwickelt sich nach anfänglicher Abwehr eine Vertrauensbeziehung und eine Komplizenschaft gegenüber der Oberschwester. Nur noch sein Leben im Krankenhaus interessiert Karl, und er vernachlässigt sogar seine neue Freundin.

Trotz des Widerstreits seiner Gefühle – auf der einen Seite Alter, Krankheit und Tod, auf der anderen Seite die Sympathie für die alte Dame – setzt er sich immer mehr für sie ein, auch mit körperlicher Zärtlichkeit, bis eines Abends die Oberschwester die Tür aufreißt und das Licht anknipst…“

Der Film wirft Fragen auf. Erlischt im Alter – insbesondere bei einer Entmündigung – der Anspruch auf Zärtlichkeit? Zuwendung ist wichtiger als Medikamente, sagt der iranisch-österreichische Regisseur Houchang Allahyari, der auch als Psychiater tätig ist. Leider werden dafür nicht annähernd genug finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Die Stationen in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind chronisch unterbesetzt. Das Personal steht unter enormen Zeitdruck und ist unterbezahlt. So ist ein Dahinsiechen häufig die unausweichliche Folge. Was ist das für eine Gesellschaft, in der finanzjonglierende Banker und Manager mit atemberaubenden Gehältern nach Hause gehen, der Pflege von alten und kranken Menschen aber nicht einmal ein Mindestmaß an Würde zugestanden wird?

Ich seh ich seh

Beschaulich beginnt der Film „Ich seh ich seh“, ebenfalls eine österreichische Produktion. Die zehnjährigen Zwillinge Elias und Lukas erkunden die Wälder, verschwinden in der Dunkelheit einer Hölle, baden im See, toben über Wiesen und Felder. Wiederholt belanglos erscheinende Szenen. Auch als die Mutter einbandagiert (von einer Schönheitsoperation?) nach Hause kommt, scheint die Handlung fast etwas träge dahin zu schleichen. Bei den Jungen keimt jedoch langsam der Verdacht, dass diese Frau, die zunehmend angespannt wirkt und ein aggressives Verhalten an den Tag legt, nicht ihre Mutter sein könnte. Um jeden Preis möchten sie die Wahrheit ergründen. Und so wird Erzählung und Bildsprache zunehmend drastischer. Schockierend. Brutal. Und am Ende steht eine – zumindest für mich – überraschende Auflösung. Und die Frage, wie man eigentlich seine Identität unter Beweis stellt.

Ein Horrorfilm, der die Gemüter erhitzte und gegensätzliche Meinungen hervorrief. Einige Zuschauer verließen vorzeitig den Kinosaal.

Die beiden Macher wurden durch Reality-Dokus inspiriert, in denen Frauen von ihren Familien für einen längeren Zeitraum getrennt werden, um sich verschiedenen Schönheitsoperationen zu unterziehen. Das Wiedersehen wird hierbei immer als freudiges Ereignis inszeniert. Doch wie befremdlich muss es für Kinder sein, wenn ihnen ein fremdes Gesicht, das ihre Mutter sein soll, entgegenblickt?

125 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme wurden während der diesjährigen Hofer Filmtage gezeigt. Die Auswahl fiel schwer. Bis auf einen Spiel- und einen Kurzfilm, die ich hier unerwähnt ließ, hat mich diese Auswahl nicht enttäuscht. Ich bin gespannt auf die 49. Internationalen Hofer Filmtage.

5 Kommentare

  1. Geschrieben am 14. Januar 2015 um 23:25 | Permalink

    Dass ich das jetzt erst lese!!! mea culpa für mich.
    Eine sehr interessante Zusammenfassung mit drei Filmen, von denen ich bisher noch nichts gehört habe. Vor allem der erste und der „ich seh ich seh“ klingen interessant. Ach, eigentlich „Der letzte Tanz“ auch. Tipps zu abwegigen, ungriffigen, schrägen Filmen mit Plots und Themen, die man selten sieht, mag ich sehr gern. Ich könnte mir vorstellen, dass der Film mit den Schönheits-OPs wirklich etwas eklig ist, also nicht Horror im üblichen Sinne, sondern OP-Horror? Fände ich viel schlimmer. Hast Du „die Haut in der ich wohne“ gesehen? Ähnlich gruselig, aber nicht im erwartbaren Sinne.

  2. Geschrieben am 14. Januar 2015 um 23:29 | Permalink

    Wobei „ich seh ich seh“ mit dem internationalen Titel „goodnight mommy“ ja gerade erst im Kino gestartet ist am 9. Januar, also bin ich noch nicht so spät. 😉

  3. Marcus
    Geschrieben am 15. Januar 2015 um 17:27 | Permalink

    @Shan Dark: Ein Großteil der bei den Hofer Filmtagen gezeigten Filme kommen erst mit Verzögerung in die Kinos. Sofern sie es denn ins Kinoprogramm schaffen. Von „Der letzte Tanz“ ist mir kein Termin bekannt. „Am Ende ein Fest“ – der deutsche Titel von „The Farewell Party“ – startet erst am 24.09.2015 in den deutschen Kinos.

    OP-Horror kommt in „Ich seh ich seh“ nicht vor. Es handelt sich vielmehr um Gefühlskälte und den Horror der Folter. Allerdings nicht um das Bekannte wie beispielsweise Waterboarding. Der hauptsächliche Horror geht von dem Verhältnis, in dem die Folternden und das Opfer stehen, aus. Ein Teil der Besucher hat den Kinosaal während der Vorstellung verlassen. Es gab anschließend auch einige Buh-Rufe. Den internationalen Titel „Goodnight Mommy“ finde ich übrigens passender als den deutschen Titel.

    „Die Haut, in der ich wohne“ habe ich bisher nicht gesehen. Du kannst diesen Film empfehlen?

  4. Geschrieben am 15. Januar 2015 um 22:04 | Permalink

    Ja, volle Empfehlung für „Die Haut, in der ich wohne“. Auch ein Film, den man nicht vergisst.

    Es klingt schon interessant, was Du über „Goodnight mummy“ schreibst, aber warum gab es Buhrufe? War das Ende enttäuschend oder passte es nicht? Das hab ich selbst noch nicht erlebt, dass ein Film ausgebuht wurde.

    OK, aber immerhin kommt „The Farewell Party“ im deutschen Kino. Ich hoffe, ich denke dann im Sept dran. 😉

  5. Marcus
    Geschrieben am 15. Januar 2015 um 22:47 | Permalink

    Im Gegenteil: Das Ende hat den Film und die schockierenden Handlungen der Darsteller für mich erst schlüssig gemacht. Vor diesem Ende habe ich – zumindest im Geiste – hin und wieder den Kopf geschüttelt. Wie wohl die Buh-Rufenden auch. Bei den Hofer Filmtagen überwiegt aber durchaus der Applaus. Warum bei diesem Film gebuht wurde, kann ich nur vermuten. Vielleicht haben die Buhenden den Film ähnlich empfunden wie Peter Bradshaw (The Guardian), der ihn als „zum Teil unerträglich ultra-gewalttätigen Arthouse Horror“ einstuft.

Schreibe einen Kommentar

Deine Mailadresse wird nicht veröffentlicht oder weitergegeben.
Pflichtfelder sind markiert *

*
*

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.