Ego

Ego sum, qui sum.“

(lateinisches Sprichwort: Ich bin der, der ich bin.)

1972. In der nordirischen Stadt Derry werden 13 unbewaffnete Bürgerrechtsdemonstranten von britischen Fallschirmjägern kaltblütig erschossen. Die RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof werden in Deutschland verhaftet. Mitglieder einer palästinensischen Terrororganisation entführen während der olympischen Spiele in München israelische Sportler. Auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck endet der Versuch der Geiselbefreiung blutig. Alle elf Geiseln sterben. Das erste Misstrauensvotum in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gegen den amtierenden Kanzler scheitert. Bei anschließenden Neuwahlen wird Willy Brandt im Amt bestätigt. In der DDR tritt ein Gesetz zum legalen Schwangerschaftsabbruch in Kraft. Das Mindestalter für eine Wahlberechtigung in der BRD wird von 21 auf 18 Jahre gesenkt. Außerdem entschied sich meine Mutter im gleichen Jahr, mein damals noch recht kleines Ego in die bunte Welt zu entlassen.

Trotz behüteter Kindheit mit vielen Freiheiten in der nordostfränkischen Provinz beglückte ich meine Umwelt im jugendlichen Alter mit einigen rebellischen Attitüden, welche durch manch kleidungstechnische Grenzerfahrung (zumindest rückblickend betrachtet) nach außen getragen wurde. Was aber nicht weiter verwunderlich war, hatte ich Beispiele für den menschlichen Wahnsinn in Form der bedrohlichen Nähe der Grenze zur DDR und der Tschechoslowakei doch alltäglich vor Augen. Auch Vorkommnisse wie Tschernobyl stärkten keinesfalls den Glauben an eine sichere Zukunft. Ich entdeckte alternative Subkulturen als Gegenpol bzw. Protest zu bayerischen Traditionswählern, machthungrigen Politikern, Umweltverschmutzung und geldgierigen Wirtschaftsbossen. Kassetten und Vinylplatten (die silbernen digitalen Scheiben sollten sich erst später durchsetzen) von u.a. Iron Maiden, Black Sabbath und Judas Priest aber auch Ideal, D.A.F., Depeche Mode und Anne Clark eröffneten eine umfangreiche Musiksammlung. Während diesem Selbstfindungsprozess ergründete ich den Punk (Dead Kennedys, Sex Pistols), Hardcore (Agnostic Front, Sick Of It All), Independent (Iggy Pop, The Pixies, New Model Army) und vor allen Dingen die Vielfalt „gotischer“ Klänge inklusive großartiger Künstler wie Joy Division, :Wumpscut:, Welle:Erdball, Das Ich, Nitzer Ebb, And One und zahlreicher weiterer interessanter Acts kennen und lieben. Konzerte und Festivals (Bizarre, Zillo etc.) wurden fester Bestandteil der Freizeitgestaltung.

Zwischenzeitlich entkam ich – äußerlich – unbeschadet der Schule und beendete erfolgreich aber ohne große Ambitionen ein Bauingenieurstudium. Das Internet eroberte die Welt im Sturm, zeigte neue Möglichkeiten und weckte so mein Interesse für Mediengestaltung. Nunmehr wurden Hobby und Beruf eins. Ebenso hatte sich die Leidenschaft zur Fotografie lebhaft weiter entwickelt. Die Fotografie wurde für mich zu einer Entdeckungsreise von besonderen Seiten in scheinbar alltäglichen Dingen. Ein persönlicher Blick auf die Menschen und das Leben mit seinen schönen als auch traurigen Momenten.

Neben Porträt-, Akt- und Landschaftsaufnahmen zähl(t)en beispielsweise auch Friedhofsimpressionen zu den abgelichteten Motiven. Beeindruckt vom besonderen Flair dieser stillen Orte versammelte ich zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien in dem leider nicht mehr erhältlichen Bildband „…wenn wir nie träumten“ und ergänzte diese durch abwechslungsreich gestaltete Zitate von Jean Paul, Arthur Schopenhauer und anderen. Auch mein 2013 erschienener zweiter Bildband mit dem Titel „Schon unser Heut ein Gestern ist“ widmet sich der Vergänglichkeit. Hierfür begab ich mich auf die Spuren des alltäglichen Verfalls, dessen außergewöhnlicher Zauber abgeschirmt hinter Absperrzäunen und mit Brettern vernagelten Fenstern auf neugierige Entdecker wartet. Ebenso sollte sich die Begeisterung für das alljährlich zu Pfingsten stattfindende Wave-Gotik-Treffen in gedruckter Form niederschlagen. 2005 erschien erstmalig das „Pfingstgeflüster”, welches seither regelmässig und ausführlich auf das Treffen in Leipzig zurückblickt.

Pfingstgeflüster - erste Ausgabe 2005     ...wenn wir nie träumten

Meine Bilder zeigte ich bisher u.a. bei Ausstellungen im Rahmen des Dark Eastern Festivals in Berlin, des Wave Gotik Treffens in Leipzig oder im Top Act in Zapfendorf. Seit einiger Zeit widme ich mich vorwiegend fotografischen Inszenierungen mit teilweise kritischen Inhalten.