Erinnerungen aus der Altkleiderkiste

Als kleine Einstimmung auf das schon in wenigen Tagen beginnende Wave-Gotik-Treffen 2012 im Folgenden das „Vorwort“ des Pfingstgeflüster 2007.

Doppelt lebt, wer auch Vergangenes genießt.“

Marcus Valerius Martialis
ca. 40-102
römischer Dichter

Gefangen in Dunkelheit. Schwärzer als jede Nacht. Erdrückend lässt die Finsternis mir kaum Platz zum Atmen. Ein plötzliches Knarren der Treppendielen zum Dachboden durchbricht die Stille. Angenehme Lichtstrahlen fallen in meine Gruft, welche seit geraumer Zeit mein Zuhause ist. Sie strecken ihre Fühler nach mir aus. Sauerstoff umströmt mich. Oh, Sonnenschein, schöner Sonnenschein – niemals hätte ich gedacht, Dich so vermissen zu können. Ein älteres, mir vertrautes und ein jüngeres unbekanntes Augenpaar mustern meine Erscheinung. Trotz der vielen Momente abseits des Lebens scheine ich noch eine beachtliche Ausstrahlung zu besitzen. Ich vernehme Wortfetzen wie „vor 16 Jahren“, „als ich so jung war wie Du heute“ und „cooles Teil“. Ach ja, ich erinnere mich noch gut.

Der antifaschistische Schutzwall schützte uns vor den bösen Kapitalisten aus dem Westen. Man sang bei politischen und unpolitischen Anlässen noch von der Auferstehung aus Ruinen. Hammer und Zirkel umgeben von einem Ährenkranz zierten die Flagge. Aus Sicht der Regierung der Deutschen „Demokratischen“ Republik waren Jugendliche mit toupierten Haaren, Irokesenschnitt, bleich geschminkten Gesichtern, schwarzen Klamotten und anderen Insignien der Wave- und Gothic-Kultur Volksfeinde.

Obwohl man faktisch gesehen „eingesperrt“ war, fühlte man sich frei. Zumindest strebte man dieses Gefühl an. Selbstbestimmung. Auflehnung gegen die scheinheilige Obrigkeit und Gesellschaft. Gut zwei Jahrzehnte dürften seit der Zeit vergangen sein, als ich mich fast täglich an junge, rebellische Schultern geschmiegt habe. Den Duft von Haarspray noch deutlich in der Nase. Melancholische Gitarren und tiefe Stimmen im Ohr. Drei Schritte vor, drei Schritte zurück.

Gekleidet mit selbstgeschneiderten schwarzen Klamotten (u.a. aus günstigem Fahnenstoff) und spitzen Schuhen, bleich geschminkten Gesichtern, dunkelroten Lippen, Silberschmuck (hergestellt aus Metallzugketten von Toilettenspülungen und der Dornen von Spikes) und hochtoupierten Haaren galt man in der sowjetischen Besatzungszone nicht nur als Bürgerschreck, sondern wurde von der Volkspolizei auch des Öfteren durchsucht und festgenommen. Ein ungenehmigtes „Treffen“ von mehr als 2 Personen auf öffentlichen Plätzen oder Straßen und in öffentlichen Gebäuden erfüllte den Tatbestand der verbotenen Zusammenrottung. Nicht selten wurden in die Jugend-Cliquen Spitzel – so genannte Inoffizielle Mitarbeiter – der Stasi eingeschleust, um die „Machenschaften“ dieser „volksfeindlichen Individuen“ zu überwachen und aktenkundig zu vermerken. Platzverweise und Innenstadtverbote waren keine Seltenheit.

Schallplatten der „Musikgötter“ aus dem Westen, welche über Polen, Ungarn oder die BRD in die „Zone“ kamen, waren heiß begehrt. Nicht selten zahlte man für Alben von Joy Division, The Smiths oder Bauhaus horrende Preise. Wer eines der seltenen Exemplare ergattern konnte, war überaus gefragt. Westliche Rundfunksender waren ebenfalls eine willkommene Quelle. Mit Mono-Rekordern wurden knisternde und verrauschte Aufnahmen angefertigt. Die Zahl der Wave- und Gothic-Bands aus dem Osten blieb hingegen gering. Einzig Rosengarten und Die Art konnten so etwas wie Kultstatus erreichen.

Trotz dieser Widrigkeiten schaffte man es immer wieder, spontan private Partys zu organisieren. Ein Schlüsselerlebnis fand in der Walpurgisnacht des Jahres 1988 statt. Die ehemalige Schlossruine Belvedere sollte als Kulisse für ein Treffen von ursprünglich um die 20 Gleichgesinnten dienen. Mund zu Mund Propaganda führte aber dazu, dass sich nahezu 500 „Schwarze“ aus allen Teilen der Republik und sogar West-Berlins zusammenfanden. Dies blieb von der Volkspolizei nicht unbemerkt. Lastwagenweise wurden Menschen abtransportiert, um sie in Untersuchungshaft zu stecken. Zirka 150 Übriggebliebene fanden sich später an gleicher Stelle wieder zusammen, um gemeinsam bei Mondschein und selbstgemachter Musik zu feiern und Gedanken auszutauschen. Der Grundstein für das spätere Wave Gotik Treffen war gelegt.

Erst vier Jahre später wurde dann das erste offizielle Treffen veranstaltet. 1500 Fans der „düsteren“ Lebensart trafen sich im „Eiskeller“ in Leipzig, um u.a. den Klängen von „Das Ich“, „Goethes Erben“ und „The Eternal Afflict“ zu lauschen. Drei Stände mit mittelalterlichen Accessoires rundeten das Angebot ab.

Eine Generation später darf ich erneut teilnehmen. Im alten Glanz wieder auf den Schultern eines jungen, kreativen und begeisterungsfähigen Menschen. Ach, ich wünschte mir, dass dies nie aufhören würde. Melancholische Musik, tanzende Menschen, tiefgründige Gespräche, schwarzer Humor…

Hören, Fühlen, Sehen.

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