Ist Gothic (D)ein Lebensstil?

Die bisher im Rahmen des „Gothic Friday“ gestellte Frage mit dem – für mich – größten Kopfschmerzfaktor. Auch nach reiflicher Überlegung kann ich weder mit einem klaren „Ja“ noch mit einem klaren „Nein“ antworten. Kann man seinen individuellen Lebensstil in einem Wort ausdrücken? Welche Faktoren machen einen Lebensstil aus?

Wahrscheinlich bin ich nicht der einzige Teilnehmer dieses Blogprojekts, der erst einmal Wikipedia hinsichtlich der Definition des Wortes „Lebensstil“ bemüht hat.

Wikipedia meint:

Lebensstil erscheint [in der Umgangssprache] als eine Bezeichnung für spezifisch wiedererkennbare Kombinationen von Freizeitpräferenzen (z. B. welche Musik man hört), aber auch beruflich oder familiär für einen Stil, der die soziale Distanz zwischen den jeweiligen diesen Stil Pflegenden verringert (bzw. das Vertrauen auf die Reaktionen der anderen erhöht) oder gegenüber anderen vergrößert (die sogenannten ‚unsichtbaren Schranken’ errichtet). Das bezieht sich auf Merkmale wie Wohnstil, Kleidung, Sprachgestus, Aufenthaltsorte.“

Aha.

Astrid Lindgren legte einst Pippi Langstrumpf den folgenden Satz in den Mund:

Ich mache mir die Welt,
wie sie mir gefällt.“

Meine Welt gestalte ich zwar deutlich unbunter als Pippi Langstrumpf, doch ebenso wie sie mir gefällt. Unabhängig davon, ob es gesellschaftlichen Normen und Traditionen entspricht oder nicht. Sich hierbei einzig im engen Rahmen einer Subkultur zu bewegen, wäre einschränkend, unkreativ, hemmend.

Doch was ist „Gothic“ eigentlich? Was macht diese Subkultur aus? Zu komplex und vielschichtig erscheint die Thematik, um auch hier bei Wikipedia nach Antworten zu suchen. Vor vielen Jahren wurde ich einmal gefragt, was für mich persönlich die „schwarze Szene“ und seine „Mitglieder“ auszeichnet.

Ich habe damals drei Aspekte angesprochen, die mir persönlich wichtig sind:

Sinn für Ästhetik (was natürlich ein überaus subjektiver Eindruck ist, ein Großteil der Bevölkerung kann sich wenig für das Schuhwerk der Marke „Dr. Martens“, partiell abrasiertes Haupthaar oder den Zauber des Verfalls begeistern), Hang zur Melancholie und – der wichtigste Punkt – ein Gegenpol zur bunten Konsum- und Spaßgesellschaft.

Deshalb fühle ich mich in dieser Szene durchaus gut aufgehoben und in gewisser Weise heimisch, gehe aber auch sehr gerne „auf Reisen“. Wenn ich meinen persönlichen Lebensstil in einem Wort ausdrücken müsste, würde ich deshalb eher „alternativ“ wählen…

9 Kommentare

  1. Geschrieben am 25. September 2011 um 23:57 | Permalink

    Hi!

    Kurz und klar auf den Punkt gebracht!
    Mach auch weiterhin die Welt,
    wie sie Dir gefällt! 🙂

    Dunkle Grüße!
    Melle

  2. Geschrieben am 26. September 2011 um 22:52 | Permalink

    Ich bin irgendwie beeindruckt, wie man – wenn auch aus der Verzweiflung heraus hihi – hier 3 so klare Punkte nennen kann. Sinn für Ästhetik hab ich, Hang zur Melancholie hab ich eher nicht – zumindest nicht als Charakter-Eigenschaft, ich bin sozusagen kein praktizierender Melancholist aber ich mag vertonte oder bebilderte Melancholie. Gegenpol zur Spaß- und Konsumgesellschaft wiederum ja. Auch wenn ich es nicht so genannt hätte, aber stimmt. Für mich gehört der Hang zum Düsteren noch dazu.
    Aber schön kurz und knackig. Und der Vergleich mit Pippi Langstrumpf gefällt mir auch. Wir machen uns eine eigene Welt, in die wir uns auch gern mal flüchten.

  3. Marcus
    Geschrieben am 27. September 2011 um 08:27 | Permalink

    @shan dark: Den Hang zur Melancholie sehe ich bei mir auch nicht als Charaktereigenschaft. Ich definiere Melancholie auch nicht mit Schwermut oder Trauer. Es ist mehr ein Innehalten, ein Genießen der Stille, den Blick sehnsüchtig über die Weite des Meeres oder über eine menschenleere Landschaft schweifen lassen (auch gerne mal rein gedanklich). Oder im Spätsommer und Herbst der morgendliche Blick aus dem Fenster, wenn sich die Welt noch im Nebel verbirgt.

    Mit dem Hang zum Düsteren hast Du selbstverständlich recht. Und die sich daraus ergebende typische Musik der Szene nicht zu vergessen. Oft ja als kleinster gemeinsamer Nenner beschrieben, wobei mittlerweile so viele unterschiedliche Stilrichtung unter dem Begriff „Gothic“ geführt werden (entweder durch Vereinnahmung durch die Szene oder aufgrund diverser Marketingstrategien der Plattenlabels), dass es heutzutage immer schwerer wird, diesen (Nenner) zu finden.

  4. Geschrieben am 27. September 2011 um 09:22 | Permalink

    Nun, wenn Du das unter Melancholie verstehst, da kann ich mich anschließen. Das empfinde ich auch und mag die von Dir beschriebenen Situationen sehr gern. Herbst, Nebel, Stille, Kerzenschein, Waldspaziergänge…

    Aufgrund des aufgeweichten Begriffes nenne ich es daher nur düstere Musik, Gothic ist mittlerweile nur noch ein Teil davon.

  5. Geschrieben am 27. Oktober 2011 um 15:35 | Permalink

    Darf ich fragen warum es dir so schwer fällt deinen Lebensstil als Gothic zu bezeichnen?

    Ist Gothic als Subkultur mittlerweile zu weitläufig und unspezifisch?

    Würdest du eher sagen das es zu einem anderen Teil der Gothic Subkultur gehörst?

    Oder missfällt es dir generell als Teil einer Kultur/Subkultur „abgestempelt“ zu werden?

    Viele Grüße
    Daniel

  6. Marcus
    Geschrieben am 29. Oktober 2011 um 10:42 | Permalink

    @Daniel: Sicherlich ist ein Grund, dass ich für mich selbst keine Bezeichnung brauche. Ich bin ich. Einschränkungen missfallen mir. Die Enge einer Schublade passt nicht zu meiner Einstellung. Als was man mich bezeichnen kann, sollen gerne „Außenstehende“ entscheiden. Je nach eigener Definition. Der Begriff „Gothic“ wird mittlerweile so vielfältig angewandt, dass es schwer fällt, auch nur einen gemeinsamen Nenner aller Individuen, die sich hierunter „vereinen“ zu finden. Der schon erwähnte Gegenpol zur bunten Konsum- und Spaßgesellschaft ist leider nicht mehr überall zu spüren. Schnell produzierte Technoklänge mit peinlichen Wortergüssen wird unter dem Begriff „Gothic“ vermarktet. Ebenso wie Knicklichter, bunte Latexkleidchen, alberne Verkleidungen und und und… Dies transportiert für mich nicht die Atmosphäre, in der ich mich wohl fühle. So fällt es mir schwer, mir diesen Stempel selbst aufzudrücken. Verstehe mich nicht falsch: Ich finde innerhalb der „schwarzen Szene“ meine Wohlfühlorte. Nur unterscheiden sich diese so extrem von anderen Zeiterscheinungen, denen man das Etikett „Gothic“ verpasst hat, dass dieser Begriff fast „ohne Wesen“ erscheint. Ohne Substanz. Nahezu beliebig anwendbar. Ganz ohne konkrete Aussage.

    Wie ist Deine Meinung zu diesem Thema? Bezeichnest Du Dich als „Goth(ic)“?

  7. Geschrieben am 31. Oktober 2011 um 19:50 | Permalink

    Macht durchaus Sinn was du schreibst. 🙂

    Ich vermute, dass diese, von dir in Bezug auf Gothic, beschriebene Situation sich auch, auf viele andere Subkulturen beziehen lassen. Sei es Punk, Skatebording/Surfing, Metal, ja auch HipHop/Rap.

    Sobald eine „gesellschaftliche Strömung“ Mainstream wird, lässt es sich wohl auch nicht vermeiden.

    Zu deiner Frage. Ich bin alles andere als ein Gothic.
    Ich bin eigentlich sogar nur aus beruflichen Gründen über deinen und andere Blogs gestolpert.

    Ich weiß nicht genau ob und wie ich mich einordnen würde.
    Im schlimmsten Fall würde man mich „Hipster“ schimpfen lassen. Nicht weil ich es will, sondern weil einige Merkmale, wie Musik, Job oder Freizeitaktivitäten, meines Alltags wohl dafür sprechen werden.
    Lustiger weise gibt es wiederum andere „Merkmale“ die diese Kategorie… Ein wundervolles Beispiel für die Absurdität solch eines Schubladen-Denken, welches scheinbar tief in unserer menschlichen Natur verwurzelt ist.

  8. Marcus
    Geschrieben am 6. November 2011 um 10:04 | Permalink

    @Daniel: Schubladen machen – oberflächlich betrachtet – manches einfacher. Letztendlich schränken sie aber auch so manche Kreativität ein. Und dummerweise hat jeder so seine eigenen Inhalte in einer Schublade. Das Etikett ist zwar das gleiche, aber was sich dahinter verbirgt ist manchmal so unterschiedlich wie es kaum sein könnte. So werden zwar die gleichen Worte verwendet, ohne damit jedoch das gleiche zu meinen. Man nehme nur den Begriff „Industrial“. Für die einen bedeutet dies verspielte, grenzenlose, sich nicht an vorgegebene Muster haltende Klänge, für andere (zumeist jüngere) monotone, oberflächliche, technoide, in erster Linie auf Spaß ausgelegte „Musik“. Ähnlich ist dies vielleicht auch beim Begriff „Hipster“, den ich bisher allerdings nur in Filmen oder Dokumentationen und nicht im „realen“ Alltag gehört habe. „Hipster“ – ich denke dabei an Menschen, die jederzeit hip, also in sein wollen und sich der jeweiligen Mode anpassen. Da Du vom „schlimmsten Fall“ und „schimpfen lassen“ schreibst, gehe ich davon aus, dass Du Dich selbst nicht so siehst, also selbst auch ungern in eine entsprechende Schublade, die so mancher eher negativ belegt hat, stecken lassen möchtest.

    Noch ein Nachtrag zum Thema „Gothic“: Ich habe kürzlich von einer Veranstaltung mit dem Titel „Super Schwarzes Mannheim sucht das Super Schwarze Gothic Model“ gelesen. Wenn sich eine ehemals individuelle, kreative, ästhetisch denkende, alternative Undergroundszene am oberflächlichen Mainstream orientiert und so im alltäglichen, bunten Einheitsbrei verschwindet, kann ich nur mit den Achseln zucken, den Kopf schütteln und feststellen, dass in der Schublade mit dem Begriff „Gothic“ Dinge auftauchen, die mit mir, meiner Einstellung und meinen Vorlieben rein gar nichts zu tun haben.

  9. Geschrieben am 6. November 2011 um 16:24 | Permalink

    @Marcus: Wahre Worte. Ich glaube genau zu wissen was du meinst.

    An dieser Stelle möchte ich meinen Oma zitieren: „..da gehts de Mensche wie de Leudde!“

1 Trackback

  1. von Gothic Friday September - Resümee am 1. Oktober 2011 um 22:31

    […] Mar­cus Rietzsch „Vor vie­len Jah­ren wurde ich ein­mal gefragt, was für mich per­sön­lich die „schwarze Szene“ und seine „Mit­glie­der“ aus­zeich­net. (…) Sinn für Ästhe­tik, Hang zur Melan­cho­lie und – der wich­tigste Punkt – ein Gegen­pol zur bun­ten Kon­sum– und Spaß­ge­sell­schaft. Des­halb fühle ich mich in die­ser Szene durch­aus gut auf­ge­ho­ben und in gewis­ser Weise hei­misch, gehe aber auch sehr gerne „auf Rei­sen“. Wenn ich mei­nen per­sön­li­chen Lebens­stil in einem Wort aus­drü­cken müsste, würde ich des­halb eher „alter­na­tiv“ wählen…“ […]

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