Kein Schiffchen fliegt, kein Webstuhl kracht

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden an diesem Standort Tücher gefertigt. Und sogar ins Ausland verschickt. Zu DDR-Zeiten volkseigener Betrieb. Doch 1992 endete nach über 100 Jahren die Produktion. Seit 1992 stehen die Webstühle, von denen einige – auf fast wundersame Weise – viele Jahre fast unberührt überstanden haben, still. Doch dann kamen Diebe und Vandalen. Der Mensch ist schon ein seltsames Geschöpf. Aufgrund seiner Gier und Zerstörungswut blieben die Bilder hintereinander stehender Webstühle, ordentlich aufgetürmter Stoffballen und endloser Garnrollen nur eine vor meinen Augen schwebende Fata Morgana. Das Erwachen in der Realität schmerzte. Bis auf zentnerschwere eiserne Blöcke, auf denen einst die wenigen verbliebenen Webstühle montiert waren, haben Metalldiebe alles mitgenommen und Chaos hinterlassen. Aufbauten können ihre Funktionalität nur unzureichend vermitteln. Vandalismus und Verwüstung. Bizarr erscheinen die sich durch Hallen und Gänge entlangziehenden Fäden. Endlos von konisch geformten Garndocken kommend, die auf dem Boden wahllos durcheinandergeworfen herumliegen. Gleichwohl fliegen leise die Geräusche der Vergangenheit an meine Ohren. Das Klappern der Webstühle. Mechanisch und laut. Und Gesprächsfetzen der Arbeiter. Was mag aus ihnen geworden sein? Die wenigsten dürften nach der Entlassung eine Anstellung als Textilfacharbeiter gefunden haben. Leere Hallen von beeindruckter Größe lassen die Ausmaße der Produktion erahnen. An vielen Stellen sind jedoch Zerstörung und Zerfall weit fortgeschritten. Der Niedergang scheint unaufhaltsam…


Die schlesischen Weber (1845)

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch –
wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!

Heinrich Heine
1797-1856
deutscher Schriftsteller


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