Subkulturelles Stadt-Land-Gefälle

Das Thema des zwölften und letzten „Gothic Friday“ (Subkultur in Eurer Stadt – Hier komme ich her, hier gehe ich hin) lässt meine Gedanken wehmütig in die Vergangenheit schweifen. In eine Zeit, in der Club- und Konzertnächte der alternativ-schwarzen Subkultur noch in einer akzeptablen Entfernung stattfanden. Als sich interessante Künstler wie beispielsweise „The Fair Sex“, „Letzte Instanz“, „The Merlons Of Nehemiah“ oder „Misfits“ (damals noch mit einem Sänger – Michale Graves – der diese Bezeichnung zu recht trug) in das nordöstliche Eck des bajuwarischen Freistaats verirrten und die Provinz unweit der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze nicht wie das Weihwasser vom Teufel gemieden wurde. Als die heimischen Plattenaufleger, Veranstalter und Clubbesitzer noch ein Herz für wavig-punkig-elektronische Klangwelten jeglicher dunkler Färbung hatten und es so zumindest hin und wieder in unmittelbarer Nähe die Möglichkeit gab, die Lieblingsmusik mit Gleichgesinnten in angenehmer Atmosphäre und in einer Dezibelzahl über Zimmerlautstärke liegend zu genießen.

Bis 1996 erfreute auch noch die heimliche Gothic-Hochburg Bayreuth mit dem Kultclub „die Etage“, in dem Größen wie Oswald Henke (Goethes Erben) oder Stefan Ackermann und Bruno Kramm (Das Ich) auflegten bzw. die humanen Eintrittsgelder kassierten, das schwarze Herz. Auf die knapp dreiviertelstündige Fahrt begab man sich damals gerne. Lohn war die Garantie für einen gelungenen und stimmungsvollen Abend. Doch diese Zeiten sind vorbei. Entweder wurden Clubs ersatzlos geschlossen oder dunkel-wavige Veranstaltungen aus dem Programm verbannt. Scheinbar einzig das „Top Act“ in Zapfendorf bei Bamberg hält die schwarzen Fahnen in Oberfranken seit vielen Jahren dauerhaft hoch und erfreut mit seinem legendären „Göttertanz“ oder der „La Nuit Obscure“ die düstere Seele.

www.lanuitobscure.de

So plagt mich beständig ein gewisses Maß an Fernweh, in dessen Folge es mich regelmäßig in die weite Welt hinauszieht, um unter anderem patchoulie-geschwängerte Luft zu atmen (allerdings finde ich diesen Geruch keinen wirklich olfaltorischen Hochgenuss), allerlei interessanten Bands zu lauschen oder um an den Lippen großartig schreibender und lesender Autoren zu hängen.

Zu meinem persönlichen Refugium habe ich Berlin erkoren. Wohnen dort doch nicht nur einige liebgewonnene Menschen, sondern bieten sich in der Hauptstadt auch diverse Möglichkeiten, um das Bedürfnis nach dunkler Ästhetik und melancholischer Stimmung zu befriedigen.

Tonspur: Ideal (1980)

Schon im vorpubertären Alter – als die Mauer noch stand – entdeckte ich meine Vorliebe für diese Stadt und ihre Bewohner. Seinerzeit allerdings noch in keinem subkulturellen Kontext. Später begeisterten mich Clubs wie das „Linientreu“ unweit des Kurfürstendamms oder das „Trash“ in Kreuzberg. Von den damaligen Locations ist nur noch das „SO36“ übrig geblieben. Doch andere Clubs und Veranstaltungen ersetzten die Lücken.

Tonspur: Daniel Colletti´s Electric Bat Cave (2011)

Death#Disco

In einem ehemaligen China-Restaurant in Berlin Mitte, dem jetzigen „King Kong Klub“, fand die Veranstaltungsreihe „Death#Disco“ ein Zuhause. Bevor der kleine Raum von unbekannten und zuweilen auch etwas bekannteren Bands (beispielsweise Joy/Disaster, The Exploding Boy, The Arch) beschallt wird, schmeichelt Musik abseits des in vielen Etablissements Gespieltem der musikalischen Seele. In „tiefergelegten“ Ledersofas und –sessel versunken lässt sich entspannt eine angenehme Mischung aus alten und neuen Post-Punk-, Cold-Wave- und Goth-Rock-Stücken genießen. Zurück zu den Wurzeln einer ursprünglich melancholischen als auch ein klein wenig wütenden Szene. Meine bisherigen Besuche im „King Kong Klub“ konnten nur durch drei Umstände geschmälert werden: der kratzige Hals, der Schleier auf den Kontaktlinsen und der Nikotin-Kater am nächsten Morgen. Im „King Kong Klub“ darf nämlich – aus meiner Sicht: leider – geraucht werden.

www.death-disco.de

Stirnhirnhinterzimmer

Einmal im Monat laden die Herren Boris Koch, Christian von Aster und Markolf Hoffmann zu der etwas anderen Lesung ins Stirnhirnhinterzimmer ein. Der folgende Text – entnommen der offiziellen Internetseite dieser Lesebühne – umschreibt die Veranstaltung zwischen Finsterwitz, Absurditäten und Wahnsinn ziemlich treffend:

Ein Raum jenseits der tristen Korridore des Alltags. Ein Raum voller Fabelwesen, furchtsamer Weltraumpioniere, machttrunkener Dämonenfürsten, größenwahnsinniger Wissenschaftler, tapferer Recken, scheuer Einzelgänger, musizierender Aliens, brütender Schattenhocker, riesiger Käfer und märchenerzählender Großmütter. Ein Raum voll verbotener Bücher, chromfunkelnder Maschinen, blutroter Kerzen, zerbrochener Amulette und staubiger Kinosessel. Ein Raum der Phantastik in all ihren Spielarten, präsentiert und imaginiert von drei jungen Berliner Autoren.“

www.stirnhirnhinterzimmer.de

Akustische Ästhetik im Gewand der Livedarbietung

K17, Huxley´s Neue Welt, Columbiahalle und C-Club, Postbahnhof, SO36 und und und – die zahlreichen Bühnen im Berliner Stadtgebiet bieten ein fast unerschöpfliches Angebot. Für 2012 haben sich beispielsweise Project Pitchfork, Peter Hook & The Light (spielen Joy Division), Twisted Nerve und Killing Joke – um nur einige zu nennen – angekündigt.

Persönliche Agenda 2012

Einige bisher unbesuchte Veranstaltungen und Örtlichkeiten stehen noch auf meiner düster-subkulturellen Agenda. Ganz oben exemplarisch die Partyreihe „Ceremonies“ im „Klick Club (Kunsthaus 54)“. Die DJs Thomas Thyssen, Ian P. Christ und Bigo, deren „Arbeit“ schon viele WGT-Besucher bei den grandiosen „When-We-Were-Young-Partys“ begeistert hat, garantieren eine großartige Auswahl an unabhängig-alternativ-dunkler Musik der alten Spielart.

www.ceremonies-berlin.de

Friedhofsexkursionen

Auch nach vielen Jahren und zahlreichen Besuchen ist meine Faszination für die stillen Oasen in einer von Hektik geprägten Welt ungebrochen. Skulpturen mit lebendigen Gesichtern, welche die unterschiedlichsten Gefühle zeigen. Verwitterte Kreuze und Grabsteine, die in die Vergangenheit entführen. Kleine und große Details voller atemberaubender Schönheit, die den Alltag vergessen lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten im In- und Ausland hat Berlin jedoch nicht DEN Friedhof. So lässt sich auch kein Gottesacker der ehemaligen Mauerstadt hervorheben. Ob nun der jüdische Friedhof in Weißensee, Südwestkirchhof Stahnsdorf, die Friedhöfe an der Bergmannstraße – jeder einzelne war und ist einen Besuch wert. In den nächsten Wochen und Monaten werde ich in meinem Blog auch noch den einen oder anderen Friedhof näher vorstellen.

Alter Zwölf-Apostel-Kirchhof
Georgen-Parochial-Friedhof I Friedhöfe an der Bergmannstraße Alter Sankt-Matthäus-Kirchhof

Der Zauber des Verfalls

Die Hauptstadt ist ein guter Startpunkt, um sogenannte Lost Places zu entdecken und zu erkunden. Im Umland befindet sich so manche verlassene, dem Niedergang preisgegebene Militäreinrichtung, Heilstätte oder Industrieanlage, die ein einzigartiger Zauber umgibt. Geschichte und Geschichten entstehen vor dem geistigen Auge. Morbide, schwermütig und spannend. Eine Motivsuche für einen Fotobildband, der die Ästhetik des Verfalls und den melancholischen Charme der Menschenleere zeigen wird. Die Veröffentlichung ist für 2012 geplant. Doch dies ist eine andere Geschichte, die in nächster Zeit hier auch noch eine ausführlichere Erwähnung finden wird…


Pfingstglück

Doch einmal im Jahr findet man alle Facetten der schwarzen Subkultur an einem Ort vereint. Während der Pfingsttage trifft man dann in Leipzig auf die Besucher des Top Acts, auf die DJs der Death#Disco, auf die Wortakrobaten des Stirnhirnhinterzimmers, auf die eine oder andere Band, die die Bühnen im K17, Postbahnhof und Co. bespielt haben, streift über den Südfriedhof und schenkt verlassenen Gebäuden am Wegesrand seine Aufmerksamkeit. Fünf Tage Flucht aus dem subkulturellen Niemandsland. Seit über einem Jahrzehnt ist das Wave-Gotik-Treffen so wohl mein persönlicher alternativ-schwarzer Höhepunkt eines jeden Jahres…

3 Kommentare

  1. Geschrieben am 31. Dezember 2011 um 20:22 | Permalink

    Ein ganz wunderbarer Artikel, den ich am letzten Tag des Jahres 2011 noch einmal mit einem kleinen Kommentar würdigen will. Genial, einfach eine andere STadt, dein neues Weggeh-Refugium vorzustellen. Und bei Berlin wird man ja eh nie fertig. Passt auch gut, da ich ja nun im Januar versuche, meine Freundin in der Hauptstadt heimzusuchen. Mal sehen, ob ich es schaffe, dann in eine der von Dir genannten Lokalitäten zu gehen. Wusste nicht, dass im „King Kong“-Club, den ich vom Hörensagen kenne, so eine coole Veranstaltung ist. Ich kenne in Berlin nur das K17 und das ist eher so „naja“. Die JH hinterm K17 ist wirklich gut, hat echten Ostcharme da sie in einem ehemaligen Plattenbau ist, aber die Disco selbst war nicht so mein Geschmack. Wir haben aber dort übernachtet, als wir Alien Sex Fiend im Postbahnhof gesehen haben (was auch eine geniale Konzertlocation ist). Warst Du da schon mal, im Postbahnhof?

    Wie weit ist denn Würzburg von Dir weg? Dort soll es eine gute Veranstaltung geben namens „SChwarzer Freitag“ im „Zauberberg“. Ein Bekannter von uns schwärmt davon. Sie ist jeden 2. Freitag im Monat. Im Internet sieht die Location toll aus: http://www.zauberberg.info – Wir wollten vllt. im Januar mal dahin, auch wenn WÜ von uns aus ziemlich weit weg ist (knapp 2 Std. mit dem Auto).

    Also bei Dir bleibt es jedenfalls spannend. Die Fotos hier geben einen tollen Vorgeschmack auf den Bildband in 2012.

  2. Marcus
    Geschrieben am 1. Januar 2012 um 11:26 | Permalink

    Danke für die Würdigung!

    Das K17 kenne ich selbst bisher nur von Konzertbesuchen (beispielsweise Zeromancer, The Crüxshadows, DAF). Diesbezüglich gibt es auch kaum Kritikpunkte. Eine Ausnahme macht der Auftritt von „DAF“, für die diese Location einfach zu klein dimensioniert war (bzw. zu viele Karten verkauft wurden).

    Im Postbahnhof war ich auch schon ein paar Mal. Mein persönlicher Berlin-Konzert-Höhepunkt fand jedoch im Huxley´s statt. „New Model Army“ waren einfach grandios, wovon ich ja schon im Rahmen des „Gothic Friday“ berichtet habe.

    Würzburg liegt leider auch nicht um die Ecke. Es dürften für mich ebenfalls etwa 2 Stunden Autofahrt sein. Nur für einen Clubabend ist das schon etwas weit. Abgesehen von den hohen Spritkosten muss man ja auch an die Rückfahrt denken, die man irgendwie im wachen Zustand hinter sich bringen möchte. Aber ich muss sagen, dass die Location schon einen sehr interessanten Eindruck macht.

    Übrigens: Die Death#Disco ist hin und wieder auch außerhalb des King Kong Klubs zu Gast. So treten im Rahmen der Death#Disco am 10. Februar Twisted Nerve, Joy/Disaster, TK Untergang und Black Snowflake im Slaughterhouse auf.

    Für Deinen bevorstehenden Berlinbesuch wünsche ich Dir viel Spaß! Vielleicht sieht man sich ja mal?

  3. Geschrieben am 1. Januar 2012 um 15:58 | Permalink

    Nach den aktuellen Planungen bin ich das letzte Januarwochenende in Berlin. Wenn Du zufällig auch da bist, dann könnte man sicher was arrangieren.

    Von „Huxleys neue Welt“ habe ich auch schon viel Gutes gehört, aber kenne es noch nicht. Das K17 ist für Konzerte von bekannten Bands tatsächlich etwas klein, finde ich.

    Oh, dann ist das ja von Dir genauso weit weg wie von uns. SChade. Hast recht und wir haben es uns auch noch mal überlegt: 2h hinfahren, 2h zurückfahren, um vllt. 3h zu bleiben… nicht so die attraktive Rechnung. Da muss man dann schon übernachten. Für einen 1x-Ritt isses dann doch zu weit.

1 Trackback

  1. von Gothic Friday Dezember - Resümee › Spontis am 15. Februar 2012 um 19:56

    […] Zwi­schen Ober­fran­ken und Ber­lin | Mar­cus Rietzsch Erin­ne­run­gen. Mit der Etage schloss für Mar­cus das letzte schwarze Refu­gium sei­ner Hei­mat. »Ent­we­der wur­den Clubs ersatz­los geschlos­sen oder dunkel-wavige Ver­an­stal­tun­gen aus dem Pro­gramm ver­bannt.« Nur das Top Act in Bam­berg hisst uner­müd­lich die schwarze Fahne Ober­fran­kens. Schon seit je her plagt ihn das Fern­weh und Ber­lin kreuzt immer wie­der sei­nen Weg. Beson­ders die Ver­an­stal­tung »Death#Disco« hat es ihm ange­tan: »In „tie­fer­ge­leg­ten“ Leder­so­fas und –ses­sel ver­sun­ken lässt sich ent­spannt eine ange­nehme Mischung aus alten und neuen Post-Punk-, Cold-Wave– und Goth-Rock-Stücken genie­ßen. Zurück zu den Wur­zeln einer ursprüng­lich melan­cho­li­schen als auch ein klein wenig wüten­den Szene. « Dar­über hin­aus besucht er regel­mä­ßig das »Stirn­hin­ter­zim­mer« um Lesun­gen der Her­ren Boris Koch, Chris­tian von Aster und Mar­kolf Hoff­mann zu besu­chen. Fried­höfe kom­men in sei­nem Arti­kel auch nicht zu kurz, ist das doch seine Ästhe­ti­sche und Foto­gra­fi­sche Leidenschaft. […]

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