Tag Archives: Frankfurt

Grünes Paradies: Waldfriedhof Oberrad (Frankfurt)

Die Nacht vor meinem Besuch war regnerisch. Doch der Morgen begrüßte mich nur noch tröpfelnd und ehe sich der Waldzugang pünktlich öffnete, hatten die Wolken ein Einsehen.

Der Waldfriedhof Oberrad präsentierte sich als kleines Naturparadies. Das frenetische Konzert hunderter kleiner gefiederter Sänger übertönte mit Leichtigkeit die schwachen Klänge der wenigen, direkt am Friedhof vorbeieilenden Fahrzeuge. Hohe Bäume, viele Sträucher und dieses Trillern, Zwitschern, Piepsen… zunächst waren keine friedhofstypischen Elemente zu erkennen, allerdings verwandelte die in der Luft schwebende Feuchtigkeit die grüne Umgebung in ein besonderes, fast mystisches Ambiente.

Nach einigen Schritten und der Erkenntnis, diese melancholische Stimmung vorerst mit keinen weiteren Besuchern teilen zu müssen, tauchte ein Zaun mit einem Tor auf: eine Ruhestätte für Gefallene des 2. Weltkrieges. Eine beeindruckende, überlebensgroße Skulptur symbolisierte mahnend den Schmerz. Von den hohen Bäumen herabfallendes Wasser und die daraus entstehenden kleinen glitzernden Tropfen milderten das bedrückende Erscheinungsbild.

Nachdenkliches hinter mir lassend wendete ich mich den zwischen Buschwerk gerade so sichtbar werdenden Grabreihen zu. Nicht ohne ein Hinweisschild der Friedhofsverwaltung mit einem Lächeln zu bedenken: Besucher sollen bitte Verständnis für die Wildtiere des Friedhofs haben. read more »

Frankfurter Hauptfriedhof: Ein Hauch von Genua

Eine Fülle an Skulpturen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof sticht schnell ins Auge. Einige der steinernen „Beobachter“ haben eine Restaurierung erfahren und präsentieren sich strahlend und makellos. Auffällig ist aber auch die Menge an kopflosen Figuren. Als wäre eine dunkle Gestalt voller Zerstörungswut über den Friedhof gezogen. Den Griff eines großen Schwertes mit beiden Händen fest umklammernd. Wieder und wieder ausholend, um die schwere Klinge auf die Hälse der steinernen Opfer niedersausen zu lassen. Manche Bruchstelle erscheint frisch. Doch der Blick auf den Boden zeigt keine Köpfe. Womöglich sammelt der Schwertschwingende die Häupter aus Stein. Doch viele Figuren hat der Henker – auch „Lauf der Zeit“ genannt – verschont. So kann ich mich neben Bildwerkskunst aus „Massenproduktion“ wiederholt an individuell Gestaltetem erfreuen.

Melancholisch dreinblickende Schönheiten, Mütter mit ihren Kindern, musizierende Künstler. Und immer wieder Engel. Die überwiegend weiblichen Engel sind besonders fein in Stein modelliert. Die angedeuteten Schleier und Gewänder enthüllen mehr, als sie verdecken. Schön, elegant und erotisch. Lockend, lasziv. Manchmal auch strafend. Der berühmte Engel von Mondeverde ist nicht nur in Genua zu sehen. Auch in Frankfurt beeindruckt eine gewisse Distanziertheit die Besucher. Der Blick entrückt, die Arme vor dem Körper verschränkt, in einer Hand das Horn des Jüngsten Gerichts haltend.


An einem der Nebeneingänge lockt ein Arkadengang. So fühle ich mich ein weiteres Mal an Genua erinnert. Allerdings drängen sich in Italien die Skulpturen in zahlreichen Gängen. Doch auch in Frankfurt fesselt der lange Blick entlang der Bögen, die durch das seitlich einfallende Tageslicht wie auf einem Gemälde alter italienischer Meister nachgezeichnet werden. Hier befinden sich Familiengruften mit einigen schönen Statuen. Manche sind restauriert, manche zerbrochen, andere befinden sich womöglich im „Schönheitssalon“ oder wurden komplett zerstört. Etwas zum Schmunzeln brachte mich das „eiskalte Händchen“. Eine männliche Skulptur – gestützt von einem kopflosen Engel – wurde eines Stückchens Arm beraubt. So hält sich scheinbar eine einsame Hand an einer Erhöhung fest. Das Bild einer über den Boden sausenden abgetrennten Hand taucht unweigerlich vor dem geistigen Auge auf. Addams Family lässt grüßen. read more »

Alter jüdischer Friedhof Frankfurt – Zwischen Bescheidenheit und Prunk

Wer geraden Weges wandelt, ziehe in Frieden, dorthin, wo sie auf ihren Lagern ruhen.“ (Jesaja 57,2).

Mit diesen Worten (in hebräischer Schrift) wurde der Besucher, der durch den Haupteingang den alten jüdischen Friedhof in Frankfurt betrat, ursprünglich begrüßt. Heute ist der Zugang jedoch nicht mehr über dieses Portal, gestaltet mit dorischen weißen Säulen, sondern über einen, wenige Schritte entfernten, schmucklosen Nebeneingang möglich.

Die Reihen der Grabsteine auf dem 1828 eröffneten Friedhof wirken ordentlich, auch wenn der Zahn der Zeit an vielen Stellen mal mehr, mal weniger stark genagt hat. Kein gnädig umhüllendes Efeugerank schmückt und verdeckt diese Altersschäden. Der eine oder andere traditionell am ersten Todestag aufgestellte Stein befindet sich mittlerweile in einer bedrohlichen Schieflage.

Symbole weisen auf Herkunft, Beruf oder Namen hin. So stechen beispielweise wiederholt Hände ins Auge, deren Haltung an den Vulkanischen Gruß erinnert. Was kein Zufall ist: Die Begrüßungsgeste der Vulkanier ist angelehnt an einen jüdischen Segen, dem Birkat Kohanim. Am Rande sei erwähnt, dass Zachary Quinto, der in einigen Star-Trek-Filmen den jungen Mr. Spock verkörperte, diesen Gruß auch nach längerem Üben nicht ausführen konnte. read more »

Reste eines mittelalterlichen Begräbnisplatzes: Der historische jüdische Friedhof in Frankfurt

Das Tor des historischen jüdischen Friedhofs in Frankfurt ist nicht nur an Sabbat, dem Ruhetag im Judentum und an religiösen Feiertagen verschlossen. Eine Besichtigung ist trotzdem möglich. Um die Schlüsselgewalt zu erhalten, muss man seinen Personalausweis im nebenan gelegenen Museum abgeben.

Der kurze Weg zum Eingang führt an einer als Mahnmal gestalteten Mauer entlang. Eine Vielzahl kleiner, in das Mauerwerk eingelassener Quader erinnern an die etwa 12.000 aus Frankfurt verschleppten und ermordeten jüdischen Bürger. Auch der Name Anne Frank ist auf einer der Tafeln zu lesen. Unter dem jeweiligen Namen ist Geburts- und Todestag sowie der Sterbeort zu lesen. Doch so manche freie Stelle zeugt von Unwissenheit. Tag und Ort des zumeist gewaltsamen Ablebens: unbekannt. Ein verschollenes Leben.

Leicht öffnet sich das Gittertor. Wie durch eine Glocke geschützt bleibt die „Welt“ vor der Mauer. Dahinter scheint eine andere Zeit zu herrschen. Mich erwartet ein offenes Areal. Kurz geschnittenes Gras. In der Mitte bilden Trümmer zerstörter Steine einen Haufen, über den sich langsam das Grün der Natur legt. Zu einem großen Teil wurde der zweitälteste jüdische Friedhof in Deutschland während der Bombenangriffe 1943/44 zerstört. Doch in einer Ecke drängen sich unter großen Bäumen schiefe Grabsteine zusammen. Dicht an dicht. Sich gegenseitig schützend und stützend. Die sehenswerten Reste eines mittelalterlichen Begräbnisplatzes, auf dem sich die Gestalten der Verstorbenen, die in der engen Gemeinsamkeit den Tag der Auferstehung erwarten, schemenhaft materialisieren. read more »