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Faszination des Vergänglichen: Beinhäuser in Italien

Es herrscht eine fast gespenstische Stille. Einzig meine Schritte hallen der hohen Decke entgegen. Und gelegentlich durchreißt das Klicken der Kamera die Geräuschlosigkeit. Schuldbewusst blicke ich mich um. Als könnten diese Klänge die besondere Atmosphäre dieses Ortes dauerhaft schädigen. Viele hundert Schädel scheinen mich aus ihren toten schwarzen Augenhöhlen heraus zu beobachten. So mancher Besucher dürfte angesichts dieses Anblicks erschauern. Doch auf mich üben diese Schädelanordnungen eine große Faszination aus. Ist ihnen doch eine gewisse Ästhetik nicht abzusprechen.

San Bernardino alle Ossa

In den italienischen Ossarien in Mailand und bei Verona sind Skelettreste zumeist „übersichtlich“ sortiert. Sie bilden Reihen und Muster in schweren hohen Holzrahmen. Geordnet, doch auch künstlerisch drapiert. Gitter schützen vor Diebstahl, doch Berührungen sind erlaubt, sollen diese doch Glück bringen. So glänzt – aufgrund zahlreicher Kontakte Glückssuchender – der eine oder andere Schädel in den unteren Reihen. read more »

Filigrane Leichtigkeit: Duomo di Santa Maria Nascente

Der Mailänder Dom. Ein Bauwerk der Superlative. Weltweit gibt es nur zwei Kirchen, die eine größere Fläche in Anspruch nehmen. Die Bauzeit des Duomo di Santa Maria Nascente zog sich durch fünf Jahrhunderte. Und auch heute dürfte kaum ein Besucher diese Kirche ohne Gerüst oder ähnliches zu Gesicht bekommen. Insbesondere wegen der schweren Deckenkonstruktion sind laufend Restaurationsarbeiten nötig. So beherbergt das Innere des Doms auch schon einmal einen kompletten Baukran. Besinnlichkeit Fehlanzeige. Bis zu 40.000 Besucher finden in dieser imposanten Anhäufung von weißem Marmor Platz. Doch sind es keine Zahlen, sondern die filigrane Schönheit, die mich beeindruckt. Ein Bau, der trotz aller Größe und Mächtigkeit eine außergewöhnliche Leichtigkeit ausstrahlt. Ebenso bemerkenswert wie wohl einzigartig: dieser Kirche kann man „aufs Dach steigen“. Für mich eine ganz neue Erfahrung.

Blick vom Domplatz auf das Dach des Doms

Vorher steht nur der Erwerb eines Tickets – wahlweise für Treppe oder Aufzug – und eine Taschenkontrolle durch Uniformierte. In der Hoffnung, ein besonderes Treppenhaus bewundern und ablichten zu können, wähle ich die günstigere Variante. Allerdings bereitet der sehr schmale Aufstieg wenig Freude. Doch nach 200 Stufen, Gegenverkehr und zahlreichen Ecken trete ich aus dem Treppenschacht ins Freie, wo sich mir ein Blick durch eine traumhaft schöne lange Reihe von Seitenstreben eröffnet. Verziert, wie aus Plauener Spitze erschaffen. Und wohin man auch schaut: Statuen, Statuen, Statuen. Es sollen fast 4000 Skulpturen sein. Jede ein Einzelstück. Figuren, die vom Boden betrachtet Puppengröße haben, erscheinen nun lebensgroß. Und über allem thront eine etwa vier Meter hohe, goldene Madonna. Das Auge findet keinen Ruhepunkt. Entlang der unteren Dachschrägen, die betreten werden können, führt ein Weg zu einer weiteren Treppe. Unterschiedliche Reliefs zieren jeden steinernen Querbalken. Und auch die Durchgänge unter den Seitenstreben sind sehenswert. read more »

Ein Hauch von Joy Division: Cimitero monumentale di Staglieno

Mein letzter Besuch war dem Friedhof bestimmt – eine Begräbnisstätte, die mehr als 60.000 Tote aufnehmen soll. An diesen Ort werde ich mich erinnern, selbst wenn ich die Paläste vergessen habe. Ein breiter Säulengang aus Marmor umgibt eine große leere rechteckige Fläche; auch der Boden ist aus Marmor, und auf jeder einzelnen Platte ist eine Inschrift. Auf beiden Seiten entlang des Ganges kann man Denkmäler, Grabmäler und Skulpturen bewundern, die bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sind und Harmonie und Schönheit ausstrahlen.“

Mit diesen Worten beschrieb Mark Twain seinen Besuch des „Cimitero monumentale di Staglieno“ in Genua im Jahr 1869 – keine zwei Jahrzehnte nach der offiziellen Eröffnung dieses Friedhofs. Seit dem Besuch des Schriftstellers, dessen Begeisterung sich auch auf die Unversehrtheit der Skulpturen bezog, sind fast eineinhalb Jahrhunderte vergangen. Die Kunstwerke sind keinesfalls mehr „makellos“. Der Staub vieler Jahrzehnte hat sich auf die steinernen Grabstätten gelegt. Und die Zeit hat an der von Mark Twain so gehuldigten Perfektion genagt. Von vielen Wänden blättert der Putz und so mancher steinerne „Wächter“ einer Grabstelle hat seinen Glanz oder gar ein Körperteil verloren. Doch dadurch wurde dieser Friedhof seiner Faszination keineswegs beraubt.

Der Tod bittet zum letzte Tanz.

Die Skulpturen scheinen versteinerte Menschen zu sein. Feinste Adern sind zu erkennen, Spitzengewebe und Stoffe mit zarten Stickereien und Mustern, Tierfell mit feinen Härchen nachempfunden, sogar Wimpern sind zu erkennen, schöne Frauen in durchscheinenden Gewändern mit allen Details ihrer Weiblichkeit modelliert. In einer Natürlichkeit, die atemlos macht. Ein riesiges Karree mit Wandelgang erwartet den Besucher. Offen zum Innenhof gelangt genug Licht auf die dicht an dicht residierenden Figuren. Engel mit ausladenden Flügeln, gestandene ältere Geschäftsleute, spielende Kinder – nahezu unbeschreiblich. Phantastisches und Realistisches nebeneinander, miteinander. Der Kopf geht zur Innenwand und zur äußeren Reihe – eine Massenansammlung schöner kunstvoller Statuen. Ich bin überwältigt. read more »

Winter Severity Index – fragiles Klanggewand aus Italien

Winter Severity Index? Bis vor wenigen Tagen war mir diese Band aus Italien vollkommen unbekannt. Italien… Meine ersten – positiven – Gedanken schweifen Richtung atemberaubender Friedhöfe mit vielfältigen Skulpturen und beeindruckenden Mausoleen. Die negativen Assoziationen (schlecht gekleidete Touristen und ein Staatsoberhaupt, das 17 Jahre sein Unwesen treiben durfte) hingegen sind nach den ersten Tönen der kürzlich erschienenen, selbstbetitelten Debüt-EP der vier Damen aus Rom wie weggeblasen. Lässt das fragile Klanggewand der fünf Stücke doch Bilder menschenleerer Landschaften erscheinen. Der Jahreszeit entsprechend erwartet den Hörer eine kalte Atmosphäre. Emotional. Dunkel. Gedankenverloren. Einem melancholischen Blick aus dem Fenster in die undefinierte Ferne gleich. Langsamer Post Punk, dem eine gewisse Schwere innewohnt. In sich gekehrt – und trotzdem durchaus tanzflächentauglich. Diese EP lässt Potential erkennen. Ein komplettes Album haben „Winter Severity Index“ bereits in Angriff genommen. So bin ich sehr gespannt, was noch kommen wird…

www.myspace.com/winterseverity