Der Wald der toten Automobile

Zum wiederholten Mal stelle ich mir leise brummelnd die Frage, ob der schmale, von hohen Bäumen in ein Halbdunkel getauchte Fahrweg ans anvisierte Ziel führen mag. Die Straße ohne Asphaltdecke gleicht einem Forstweg, was in Norwegen jedoch nichts Ungewöhnliches ist. Und trotzdem beschleicht mich ein unbehagliches Gefühl. Einzig ein Schild weist auf den Grenzübertritt nach Schweden hin. Mitten im Wald. Optimal für Schmuggler? Recherchen ergaben, dass die Straße „Sugar Road“ genannt wird – in Anspielung auf einen blühenden Zucker-Schmuggel. Hin und wieder zeigen mir verstreut auftauchende Gebäude und Zufahrten, dass ich mich noch in der „Zivilisation“ befinde. Und endlich: Ein von Bäumen und Sträuchern umgebenes und von Wind und Wetter gezeichnetes Automobil kündigt den angesteuerten Autofriedhof im gefühlten Nirgendwo an.

Erst nach und nach lässt sich das komplette Ausmaß erfassen. Teils versteckt zwischen hohen Bäumen und Büschen warten über 1000 Fahrzeuge auf ihren endgültigen Verfall. Limousinen, Coupés, einige Busse. Aufgereiht und übereinandergestapelt. Alte VW Käfer. Diverse Volvos. Oder der legendäre Ford Taunus. Reste von Mercedessternen oder Opelblitze sind auszumachen. Wie tote Augen blicken die teils noch vorhandenen Scheinwerfer in die Stille. Fast kunstvoll überzieht rötlich-brauner Rost die Hüllen der Fahrzeuge. Modelle gebaut zwischen 1930 und 1980, die auch in ihrem starken Niedergang noch einen gewissen Charme versprühen.

Man muss kein Autonarr sein, um von diesem Ort gefangen zu werden. Dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne. Farben, Kontraste und Licht erschaffen eine besondere Stimmung. Die Speicherkarte der Fotokamera füllt sich zusehends und vor meinem geistigen Auge erscheint die Szenerie in dichten Nebel getaucht. Eine faszinierende und geheimnisvolle Vorstellung.

Während meines ausgedehnten Aufenthalts verirren sich nur eine Handvoll Touristen (ebenfalls aus Deutschland) in diese Gegend. Auch diese durchschreiten den Wald ehrfürchtig und bleiben leise tuschelnd vor der einen oder anderen Karosserie stehen, ehe sie wieder in ihren fahrbaren Untersatz steigen und den Rückweg antreten. Die meiste Zeit ist es still und menschenleer. Einzig der Wind lässt das spröde Blech leise knarzen. Größtenteils unerschlossen, aber touristisch durchaus beworben und bekannt, soll es auch Tage geben, an denen sich deutlich mehr Menschen an diesen einzigartigen Ort verirren.

Der einsam gelegene Schrottplatz in Båstnäs ist Auslöser vieler Diskussionen. Kulturdenkmal oder Umweltsünde? Meine Antwort fällt eindeutig aus. Die Natur beweist ihre erneuernde Kraft eindrucksvoll. Moos hat von Autodächern und Motorhauben Besitz genommen. Ein Ameisenvolk hat sein riesiges Reich in einem Motorraum errichtet. Flechten überziehen den verblassenden Lack. Bäume wachsen aus Kofferräumen empor. Das Öffnen der Türen wird von quietschenden Klängen begleitet. Spinnengewebe überzieht Armaturen. Kleine Tiere wie beispielsweise Frösche, Mäuse und Vögel haben im Innern der Fahrzeuge ein Zuhause gefunden. Manche Karosserie ist vollkommen von Gestrüpp überwuchert, so dass man sie erst auf den zweiten Blick als das erkennt, was sie einst war. Der Pflanzen- und Tierwelt scheint dieser Schrottplatz nicht geschadet zu haben.

Im Grenzgebiet haben Rune und Tore Ivansson bis in die 1980er Jahre einen Autohandel bzw. eine Werkstatt inklusive Schrottplatz betrieben. Der Import von Fahrzeugen soll nach Norwegen verboten gewesen sein. Jedoch ließ eine Gesetzeslücke die Einfuhr von Ersatzteilen zu. So sollen die beiden Brüder Autos auf schwedischem Boden auseinandergebaut, die Teile ganz legal über die Grenze geschafft und in Norwegen wieder zusammengesetzt haben. Ob dies der Wahrheit entspricht, konnte ich allerdings nicht in Erfahrung bringen.

Einem Parkplatz gleich beherbergt eine freie, von zwei Gebäuden umgebende Fläche weitere etwa 150 Karosserien. An einem der alten Häuser steht in bedrohlich wirkenden, zittrigen Lettern: READ THE SIGN. Ein Pfeil weist auf beschriebene, an die Wand geheftete Blätter. Ehe ich die englischen Sätze im Geiste übersetzen kann, schleichen sich die dort zu lesenden Worte Scream, Hurt und Die in mein Gehirn. „Hier hört Dich niemand schreien…“ Einen Augenblick bin ich froh, dass sich die Sonne nur kurz hinter dunklen Wolken versteckt hielt und der Wunsch nach Nebel für eine mystische Fotostimmung nicht erfüllt wurde. Selbstverständlich stellt sich nach der Lektüre des kompletten Textes heraus, dass dieser nur auf den Verhaltenscodex hinweist und vor den Gefahren warnt und somit harmloser ist als die ersten, aus dem Zusammenhang gerissenen Worte es erahnen ließen. Zumindest solange man es sich nicht in den Kopf gesetzt hat, die Gebäude, in denen laut Text die eine oder andere Falle lauern soll, widerrechtlich zu betreten.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Habe ich mir den dunklen Schatten hinter der vergilbten Gardine nur eingebildet?












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