Friedhöfe an der Bergmannstraße: Leichtigkeit zwischen Sein und Nicht-Sein

An einem frostigen Novembertag vor zwei Jahren erkundete ich erstmals die Friedhöfe an der Bergmannstraße ausgiebig. 600 Meter zieht sich die Mauer, welche die Toten von den Lebenden trennt, parallel die Straße entlang. Vom Morgen bis zur Dämmerung durchstreifte ich das fast 21 Hektar umfassende Gelände, welches vier Friedhöfe beherbergt, die mittels Durchbrüchen miteinander verbunden sind: II. Dreifaltigkeitskirchhof, II. Friedhof der Friedrichswerderschen Gemeinde, IV. Kirchhof der Jerusalems- und Neue Kirche und Alter Luisenstädtischer Friedhof. Fast 190 Jahre Geschichte bilden sich in den verschiedenen Stilen der Grabmale ab. So entschädigte eine überaus befriedigende Auswahl interessanter Details für eiskalte Finger und eine fast abgefrorene Nase.


Nun veranlasste mich ein Hinweis von Shan Dark, der Fürstin des wundervollen schwarzen Planeten, diesen Friedhöfen einen erneuten Besuch abzustatten. Die Information, dass hinter den Friedhofsmauern in Berlin-Kreuzberg ein Café eröffnet hat, machte mich neugierig. Eine ehemalige Aufbahrungshalle beherbergt seit einigen Monaten das Café Strauss. Gruselig? Pietätlos? Störung der Totenruhe?

An einem grauen und trüben Tag im Dezember betrat ich den Friedrichwerderschen Friedhof, wo direkt am Eingang das Café auf seine Gäste wartet. Doch bevor ich mich süßen Gaumenfreuden widmete, erforschte ich abermals einen kleinen Teil des Totenackers. Nur hier und da begegneten mir einzelne gebückte Gestalten, die ein Grab winterfest machten. Eine monochrome Farbstimmung beherrschte die Szenerie. Das diesige Grau schluckte die Geräusche der Stadt. Selten leuchtete ein farbiges Blumengesteck auf. Und plötzlich tauchten mehrere Eichhörnchen auf. Hektisch hüpfend, springend, kletternd. Neugierig wurde ich mit großen Augen gemustert: „Hast du Nüsschen?“. Leider hatte ich kein Futter dabei. Es wurde Männchen gemacht, doch auch dies änderte nichts an der Tatsache, dass ich keine Leckereien für die kleinen rotbraunen Wesen hatte. So verschwanden diese wieder in den Gebüschen und ihre leisen Rufe verhallten…

An Zweigen hängende Meisenknödel veranlasste Spatzen zu intensiven „Streitgesprächen“. Nicht einmal mein Nahen ließ die Kampfhähne aufmerken. Die Futtervorsorge für die Gefiederten war reichlich vorhanden. Geflatter und Gezeter klangen gedämpft aus verschiedenem Strauchwerk.

So ließ ich mich treiben und fing ich mit der Kamera wieder einige Details ein. Doch mit der Zeit durchdrang die Kälte auch die letzte Klamottenschicht. Ein perfekter Zeitpunkt, um das Café zu begutachten. Ein Raum mit hohen Gewölbedecken in hellem Weiß nahm mich in Empfang. Kaffeesäcke aus Jute lagen prall gefüllt in einer Ecke. Ein Tresen beherbergte lecker aussehenden Kuchen und Torten. Das Messing der Kaffeeschübe in einem alten Regal schimmerte matt. Angenehmer Duft erreichte meine Nase. Eine Tasse Tee wärmte schnell auf. Und das Stück Torte, welches ich mir gönnte… einfach nur sündhaft verführerisch. In einer Ecke entdeckte ich ein Klavier. Der magischen Anziehungskraft, den Anwesenden mein wenig vorhandenes Talent für Tasteninstrumente zu beweisen, konnte ich knapp widerstehen.

Erwachsene und Kinder genossen das ruhige Ambiente und störten sich nicht an der Tatsache, dass an gleicher Stelle vor einem Jahrhundert Leiche an Leiche lag. Damals wurden Verstorbene drei Tage aufgebahrt. Man fürchtete, Menschen lebendig begraben zu können. So verband man die Toten mit einem Glöckchen, welche gegebenenfalls auf einen Scheintod hinweisen sollte. Ein Aufpasser wachte über die Dahingeschiedenen.

Ein anschließender Raum wird für wechselnde Ausstellungen genutzt. Ein Blick durch die Fenster offenbarte Farbenfreudiges. Vor dem Café befindet sich eine kleine schmale Terrasse mit ein paar Stühlen und Tischen. Besonders Hartgesottene saßen in dicke Wolldecken gehüllt mit ihren Heißgetränken in der Kälte. Der Blick auf ein Areal mit nur wenigen Grabstellen wirkt beruhigend. Die Toten und die Lebenden stören sich nicht. Auch für die Lebenden ist es nur eine Frage der Zeit…




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1 Trackback

  1. […] Friedhof in Berlin Kreuzberg bereits einen Besuch abgestattet und war äußerst angetan von der Leichtigkeit zwischen Sein und Nicht-Sein in einer ehemaligen […]

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