Schwarzes Vinyl: Eine Reise in die Vergangenheit

Ein Blogbeitrag von Robert (www.spontis.de) weckte in mir den Wunsch, mich nach geraumer Zeit wieder einmal meiner Vinylsammlung zu widmen, die durch CD und MP3 längst ein Randdasein fristet. Mit einer gewissen Spannung blätterte ich durch den ersten Stapel. Teils bunte, teils monochrome Kunstwerke im Format 31 x 31 cm wollten neu entdeckt werden. Es war ein Stöbern in Erinnerungen. Eine Reise in die Vergangenheit. Ein Blick zurück in eine aus heutiger Sicht vollkommen andere Welt – mit einem Lächeln auf den Lippen und ganz ohne Wehmut. Digitalisierte Klänge waren damals größtenteils noch Zukunftsmusik. Das weltweite Datennetz in der heutigen Form – nicht vorhanden. Um interessante Tonträger und neue Gruppen zu finden, durchstöberte ich akribisch diverse Mailorder-Kataloge, deren Schriftgröße einen oftmals zur Verzweiflung brachte und sicher einen gewissen Anteil an der nicht unwesentlichen Fehlsichtigkeit hat. Viel Zeit wurde auch im nächsten Plattenladen verbracht, um „Berge“ von neuen und alten Scheiben zu durchforsten und in die eine oder andere Veröffentlichung „reinzuhören“. Heute gibt es solche Läden wohl kaum noch. In dem von mir favorisierten Plattengeschäft werden gegenwärtig Mobiltelefone angeboten.

Bei diversen „Schätzen“, die ich entdecke, wird mein Grinsen breiter. Beispielsweise bei einem Mitschnitt eines Auftritts von Bad Religion aus dem Jahre 1983. Der sonst bedruckte innere Bereich des Vinyls: jungfräulich weiß. Kein fester Karton schützt das Album. Einzig ein gefaltetes Blatt mit dem bekannten Zeichen des durchgestrichenen Kreuzes auf der einen und wenigen Angaben und Bildern auf der anderen Seite liefert einige Informationen. Ebenso zaubert mir eine uralte Aufnahme der Ramones ein Lächeln ins Gesicht: Das Konzert vom 12. Mai 1976 in Cambridge wurde von einem Besucher mitgeschnitten und später auf Vinyl gebannt und weckt Erinnerungen an wilde Konzerte. Auf meiner Entdeckungsreise fällt mir die erste Platte der Beastie Boys, die anno 1982 noch als vierköpfige, lärmende Punkband unterwegs waren, in die Hände. Fast unglaublich, wie diese Band anfänglich klang. Dahinter taucht ein Album auf, dessen Cover eine Wand mit beschädigter Blümchentapete zeigt, an der die Fotografie eines Mannes hängt. Erst das Aufklappen offenbart, dass es sich hierbei um die Wand eines bereits halb abgerissenen Hauses handelt. Überaus ansehnlich präsentiert sich die gezeichnete Innenansicht. Ein alter Mann mit Stock und Laterne blickt von einem Berg auf eine kleine Stadt herab. Ausschnitt der Innenansicht des Klappcovers von Led Zeppelin IVBei diesem Anblick verstehe ich die Liebhaber der – zumeist – schwarzen Scheiben. Ist die visuelle Komponente durch das kleinere Format eines CD-Booklets vielleicht nicht komplett belanglos, jedoch zumindest deutlich unwichtiger geworden. Bei dem angesprochenen Album handelt es sich übrigens um die vierte LP von Led Zeppelin. Sowohl auf dem Cover als auch im Innenteil wurde auf einen entsprechenden Hinweis verzichtet. Erst die Platte selbst enthüllt ihr „Geheimnis“, welches u.a. den Titel „Stairway To Heaven“ enthält. Wodurch eine weitere Erinnerung angestoßen wird: Versteckte Botschaften, die durch das Rückwärtsspielen der jeweiligen Songs ans Licht kommen (sollen). So wurde behauptet, „Stairway To Heaven“ würde eine Art Huldigung Satans sein: „Mein süßer Satan. Derjenige, dessen kleiner Pfad mich traurig macht (…)“ soll u.a. zu hören sein. Vielen weiteren Musikern wurde von diversen Politikern und christlichen Vertretern unterstellt, Jugendliche unterschwellig zu Drogenkonsum, zügellosen Sex, Selbstmord und Satansverehrung bringen zu wollen. Meine Neugier veranlasste auch mich vor vielen Jahren dazu, meinen Plattenspieler zu missbrauchen, um solche Botschaften hörbar zu machen. Viel Phantasie bzw. die zu vernehmenden Worte vor Augen halfen dabei, die angeblichen Botschaften zu verstehen.

Quadratische Hüllen von DAF, The Anti Nowhere League, den Sex Pistols, The Exploited, Depeche Mode, den Dead Kennedys, Anne Clark und auch vollkommen unbekannten Bands, deren Einordnung mir nach so langer Zeit schwer fällt, wandern durch meine Hände. Auf einer Platte ist noch das Preisschild vorhanden und zu entziffern: 14,90 DM. Eine für damalige Verhältnisse wohl eher nicht ganz so günstige Anschaffung. Und dann halte ich ein Album von Man Of Straw in Händen. Obwohl vor über zwei Jahrzehnten gekauft, kann ich mich noch genau an den Preis erinnern: 1,00 Deutsche Mark. Man Of Straw – eine Band, über die ich nichts in Erfahrung bringen konnte. Einzig die spärlichen Daten auf der Rückseite der Hülle sind geblieben. Keine digitalisierten Versionen im Internet. Kein Wikipedia-Eintrag. Kein Video bei YouTube. Als hätte es diese Band nie gegeben. Behutsam greife ich in die Papphülle, ziehe das Vinyl heraus und lege es auf den Plattenspieler. Vorsichtig platziere ich die Nadel am Anfang der sich nun drehenden schwarzen Scheibe. Das typische leichte Knistern löst die Stille ab, ehe ich die ersten Töne eines grandiosen Stücks („Graveyard“) begeistert wahrnehme…

Ist eine Vinylplatte authentischer? Ehrlicher? Wärmer? Persönlich möchte ich dies klar verneinen. Für mich ist es unerheblich, von welcher Art Tonträger Musik kommt, um diese voller Leidenschaft aufzunehmen. Solange die Lautsprecher den Bass voll und satt wiedergeben, die Worte des Sängers herausschleudern oder behutsam freisetzen, die sanften Töne im Raum schweben und den Rhythmus spürbar werden lassen.

Was allerdings wirklich zu bedauern ist: das Zusammenspiel von Musikern, visuellen Künstlern und Designern in der „alten“ Form findet sich bei CD-Veröffentlichungen eher selten. Die nostalgische Wanderung durch meine Plattensammlung hat viele Erinnerungen hervorgerufen. Und ich frage mich, wie das Gefühl bei solch einer musikalischen Reise in die Vergangenheit wohl in zwei oder drei Jahrzehnten sein mag, wenn man sich dann nicht mehr durch Plattenstapel wühlt, sondern digitale Speichermedien durchforstet. Wird man sich erinnern, wie man einzelne Alben entdeckt hat? Doch dies ist der Lauf der Zeit. Es liegt an jedem selbst, wie sehr man Musik wertschätzt. Die Melodien, Rhythmen, Texte sind die gleichen – ob nun von Tonband, Kassette, Vinyl, Compact Disc oder als MP3-Datei wiedergegeben. So erfreue ich mich durchaus daran, die Lust auf einen speziellen Titel schnell und unkompliziert befriedigen zu können. Die Vorzüge des Lebens in der Gegenwart genießend, ohne dadurch die Schönheit der Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen und aktuelle musikalisch-künstlerische Leistungen weniger zu würdigen. Ein Hoch auf die Musik, die mein Leben ungemein bereichert.

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